Ausstellung/Gartenkunst

Edith Temmel: WALDEN – Übersetzung in Bildern

Edith Temmel WALDEN, 2024, Monotypie in Farbe

Am 15. März wird der Eintrag der traditionellen Drucktechniken in das Bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes der Deutschen UNESCO-Kommission als Tag der Druckkunst gefeiert.

kunstGarten beteiligt sich mit einem Programm von Edith Temmel – WALDEN  bis 11.Mai

 

 

 

 

Edith Temmel (c) Stadt Graz, Bürgerin der Stadt

Walden hat sich als eines der einflussreichsten Werke der amerikanischen Literatur etabliert. Schon im 19. Jahrhundert wurde es breit rezipiert und fand – noch vor der Verbreitung marxistischer Theorien – Eingang in viele Arbeiterhaushalte. Im 20. Jahrhundert wirkte Thoreaus Plädoyer für ein einfaches, selbstbestimmtes Leben als Impulsgeber für unterschiedliche gesellschaftliche Bewegungen: Es inspirierte die entstehende Naturschutzbewegung ebenso wie die Protest- und Alternativkulturen der 1960er-Jahre.
Auch international entfaltete das Buch nachhaltige Wirkung. Mahatma Gandhi berief sich ausdrücklich auf Thoreaus Gedanken, insbesondere auf das Ideal des gewaltlosen Widerstands und einer bewusst einfachen, asketischen Lebensführung. Der Psychologe Burrhus Frederic Skinner griff die Anspielung bereits im Titel seines Romans Walden Two auf und entwarf darin das Modell einer gemeinschaftlich organisierten Utopie. Spätere Werke wie Walden Tres von Rubén Ardila oder Walden III von Rolf Todesco beziehen sich vor allem auf Skinners Gesellschaftsentwurf und führen die Idee in jeweils eigener Weise fort.
Angesichts der heutigen Klimakrise erhält Thoreaus Denken neue Aktualität. Seine radikale Reduktion auf das Wesentliche, sein kritischer Blick auf Konsum, Wachstum und Fortschrittsglauben sowie sein respektvolles Verhältnis zur Natur verweisen auf Fragen, die im Kontext des Klimawandels dringlicher denn je erscheinen: Wie viel ist genug? Wie können individuelle Lebensstile und gesellschaftliche Strukturen so verändert werden, dass sie im Einklang mit ökologischen Grenzen stehen? Thoreaus Experiment am Walden-See war kein weltfremder Rückzug, sondern eine bewusste Suche nach Alternativen zu einer Wirtschaft und Lebensweise, die bereits im 19. Jahrhundert auf Expansion und Ressourcenverbrauch setzte.
Besondere Bekanntheit erlangte ein Gedanke aus dem Schlusskapitel des Buches. Thoreau ermutigt dazu, sich nicht dem Gleichschritt der Mehrheit zu unterwerfen: Wer nicht im Takt der anderen marschiert, folgt vielleicht einem eigenen Trommler. Jeder Mensch solle zu der „Musik“ gehen dürfen, die er selbst hört – unabhängig davon, wie ungewohnt ihr Rhythmus sein mag. In Zeiten globaler ökologischer Herausforderungen kann dieser Appell als Einladung verstanden werden, neue Wege zu wagen: zu einem anderen Verständnis von Wohlstand, zu nachhaltigerem Handeln und zu einer Form von Fortschritt, die nicht auf Kosten kommender Generationen geht.
Die in Graz geborene und bis heute dort lebende Künstlerin Edith Temmel (geb. 23. August 1942) arbeitet seit Jahrzehnten als freischaffende Malerin. Erst mit 25 Jahren begann sie intensiv zu malen; geprägt wurde sie in ihren Anfängen von der steirischen Malerin Elga Maly. Entscheidende Impulse erhielt sie zudem in den Malerklausuren von Josef Fink am Minoriten-Kulturzentrum Graz, wo sie internationalen Künstlerpersönlichkeiten begegnete und ihr Verständnis von Malerei vertiefte.
In ihrer frühen Schaffensphase widmete sich Temmel vor allem biblischen Themen. Es entstanden umfangreiche Zyklen zum Alten Testament sowie großformatige Glasfenster und kirchliche Auftragsarbeiten. Ihre Werke wurden in zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland präsentiert, unter anderem in Wien, Darmstadt, Osnabrück, Tel Aviv, Marburg und Brüssel.
Eine besondere Wendung nahm ihr Werk vor über fünfzig Jahren, als sie bemerkte, dass sie beim Hören von Musik Farben wahrnimmt – ein Phänomen, das als Synästhesie bezeichnet wird. Was für manche Menschen irritierend sein kann, wurde für Temmel zu einer schöpferischen Quelle. Seither entstehen ihre Bilder häufig im unmittelbaren Hören von Musik: zu Vivaldi, Bach oder Chopin ebenso wie zu Jazz. Ihre Malerei ist dabei keine Illustration, sondern eine Simultan-Übersetzung von Klang in Farbe, Rhythmus in Bewegung, musikalischer Struktur in Bildkomposition.
1996 erlernte sie die Kunst des „Fusing“ (Glasschmelzkunst).
Edith Temmel ist Initiatorin und Gründungsmitglied der „styrianARTfoundation“, die im Jahre 2005 ins Leben gerufen wurde. Jährlich werden steirische Künstlerklausuren in Stift Rein veranstaltet. Der Künstlerin ist es sehr wichtig, die heimische Kunstszene zu stärken. Das Miteinander soll gefördert werden, nicht das Gegeneinander. Im Jahr 2014 fand die 10. Ausgabe des Kreativ-Meetings in Stift Rein statt. Ein besonderes Anliegen ist ihr innerhalb dieser Vereinigung die Förderung junger steirischer KünstlerInnen.
Für den Weihbischof Franz Lackner gestaltete Edith Temmel zu seiner Ernennung als Bischof von Salzburg eine kunstvolle Kasel in Seidenmaltechnik, die eine blaue Vogelschar auf grünem Grund zeigt und die Vogelpredigt des Heiligen Franz von Assisi darstellt. Auch für Johannes Paul II und Papst Benedikt gestaltete sie Messgewänder.
In ihrer künstlerischen Auseinandersetzung mit Walden verbindet Edith Temmel diese synästhetische Arbeitsweise – die Stimmen des Waldes – mit der geistigen Dimension von Thoreaus Text. Wie Thoreau den „eigenen Trommler“ beschwört, folgt auch Temmel einem inneren Klang. Natur wird in ihren Bildern nicht naturalistisch dargestellt, sondern als Schwingung, als energetisches Feld von Farben und Rhythmen, Schriftzeichen erfahrbar gemacht. Die Stille des Walden-Sees, das Wechselspiel der Jahreszeiten und die Konzentration auf das Wesentliche übersetzt sie in vielschichtige Farbräume, die zwischen Transparenz und Verdichtung oszillieren.
So wird Walden bei Temmel nicht zur Illustration eines literarischen Werks, sondern zur malerischen Reflexion über Einklang – zwischen Mensch und Natur, Wahrnehmung und Welt, Klang und Farbe. Ihre Arbeiten eröffnen damit eine sinnliche Annäherung an Thoreaus Gedanken und aktualisieren sie in einer Bildsprache, die innere Wahrnehmung und ökologische Sensibilität miteinander verbindet.

 

https://www.graz.at/cms/beitrag/10265298/7772794/Edith_Temmel.html