Film/Public Viewing, Literatur

Bedeutende Frauen im 20. Jhdt.: CHRISTINE NÖSTLINGER – für Kinder und Erwachsene

Christine Nöstlinger

CHRISTINE NÖSTLINGER

13. Oktober 1936 – 28. Juni 2018. Lebte als freie Schriftstellerin in Wien. Ihr Werk wurde international vielfach ausgezeichnet, Sie war die erste Trägerin des Astrid-Lindgren-Preises (2003) und erhielt den Andersen Award sowie u.a. den Ehrenpreis CORINE für ihr Lebenswerk (2011), das Große Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich (2011), den Bruno-Kreisky-Preis für ihr publizistisches Gesamtwerk (2012), Bundesministeriums für Gesundheit und Frauen den Lebenswerk-Preis (2016). Zuletzt erschienen: „Glück ist was für Augenblicke. Erinnerungen“ (2013).

Irmi Horn würdigt in der Reihe Bedeutende Frauen im 20. Jhdt die Schriftstellerin mit Literatur & Film: MAIKÄFER FLIEG!
Mein Vater, das Kriegsende, Cohn und ich. Roman
Christine Nöstlinger
Julius Beltz GmbH & Co. KG – 2018

STEFANIE PANZENBÖCK | FALTER 29/2018

Es gibt Menschen, deren Abwesenheit spürbar ist. Im Moment ihres Abschieds weiß man, dass die Welt nun ärmer geworden ist.

Christine Nöstlinger ist so ein Mensch.

Die Schriftstellerin starb Ende Juni, am Freitag wurde sie begraben. Dann informierte die Familie die Öffentlichkeit. Die Eckdaten ihres Lebens sind schnell zusammengefasst. Christine Nöstlinger wurde 1936 in Wien geboren, war mit dem Journalisten Ernst Nöstlinger verheiratet, hatte zwei Töchter, schrieb über 100 Bücher für Kinder und Jugendliche. Die Liste ihrer Auszeichnungen ist endlos. In den letzten Jahren ging es ihr gesundheitlich sehr schlecht, sie starb an einer Lungenerkrankung.

Christine Nöstlinger war alt geworden. Gestützt auf einen Rollator, bewegte sie sich durch ihre Wohnung in der Brigittenau in einem der oberen Stockwerke, gleich gegenüber dem Hannovermarkt. Selbst an einem verregneten Oktobertag fiel Licht in das große Wohnzimmer, mit einem langen Tisch in der Mitte und bunter Eleganz an den Wänden und auf den Kommoden. Als der Falter sie vor eineinhalb Jahren besuchte, hatte ihr Telefon gerade eine Störung, und sie wirkte ein wenig hilflos. Ein paar Handgriffe später hatte sie mit den Redakteuren zum Interview Platz genommen.

Doch ihre Gebrechlichkeit war nicht mehr als eine Hülle, die ihr ein langes Leben auferlegt hatte, ihre vielen Falten und der leicht bekümmerte Blick nicht mehr als eine Maske für eine Frau, die hunderte Welten für Kinder erschaffen hatte und nach wie vor unübertroffen wach, zornig und liebevoll war. Die heutigen Kinder verstehe sie nicht mehr, hatte sie in den letzten Jahren immer wieder gesagt und auch nichts mehr geschrieben. Sie wollte ihre Ruhe haben, und wer hätte das Recht, ihr die zu nehmen. Der Eindruck, dass sie die Welt von Grund auf verstanden hat und in ihren Büchern immer Erklärung und Trost zu finden sein werden, egal, wie sehr sich alles um uns verändert, wird bleiben.

Ihre Geschichten bieten Zuflucht in eine Welt, die weder schön noch idyllisch ist. Kein Weichzeichner, viele Flüche, kein „Es tut nicht weh“, kein „Es ist nicht mehr weit“. Weil es wehtut, Wege immer endlos sind und Kinder keine Lügen verdient haben. Das hat sie selbst auch nie vertragen.

Als Kind erlebte sie den Krieg in Wien, hatte Eltern, die Arbeiter und Sozialisten waren. Einen Großvater, der unter der Decke BBC hörte und vor lauter Angst so zitterte, dass er den Sender nicht fand. Auf die Frage, was denn nun Frieden sei, der nach dem Krieg kommen sollte, bekam sie keine befriedigenden Antworten. „Wenn’s wieder Schinkensemmeln und Bensdorp-Schokolade gibt, dann ist Frieden“, sagte die Mutter. Der Großvater wiederum meinte: „Wenn die Sozialdemokratie wiederkommt, dann ist Frieden.“ Doch nichts von dem erfüllte sich. „Der Frieden war eine bittere Enttäuschung. Es hat keine Schinkensemmeln gegeben, keine Bensdorp-Schokolade, wir haben keine Sozialdemokratie gehabt, die alten Nazis waren immer noch da“, erzählte Nöstlinger. Den Einwand, dass ja immerhin doch ein paar tausend Nationalsozialisten 1945 eingesperrt worden waren, ließ sie nicht gelten: „Na geh, die Frau Donner bei uns im Haus, die immer mit ,Heitler!‘ gegrüßt hat – ich hab nie ,Heil Hitler!‘ verstanden, sondern ,Heitler!‘ –, die hat drei Wochen Erbsen ernten gehen müssen, Ernteeinsatz, das war’s dann. Das war mir als Kind zu wenig, vor allem hat es mich furchtbar aufgebracht, dass meine Eltern und auch die Großeltern wieder mit der reden und so tun, als wär nix gewesen.“

Einmal sollte sie sich bei der Lehrerin entschuldigen, weil sie bei einer Hausübung ein bisschen geschummelt hatte. Vor der Klasse sollte sie sagen: „Ich bitte um Verzeihung, ich werde das nicht mehr tun.“ Und jeden Tag holte sie die Lehrerin heraus und forderte sie auf, diesen Satz zu sagen. Doch Christine Nöstlinger kam er nicht über die Lippen. Lieber blieb sie eine Stunde stehen. „Es kam einfach nicht aus mir raus. Das war so würdeverletzend für mich.“

Als sie begann, Bücher für Kinder zu schreiben, dichtete sie „Pinocchio“ um. „Ich finde es schrecklich, dieses ewige Gejammer von Pinocchio, wie er erzählt, wie böse er schon wieder war und wie schlecht er schon wieder war. Er muss dauernd um Verzeihung bitten und bereut ehrlichen Herzens. Und zum Schluss ist er geläutert, da ist er dann ein ganz edles Kind. Schrecklich.“

Edel sind die Kinder in Nöstlingers Büchern nie. Sie sind auch nicht brav, haben Probleme in der Schule oder mit den Eltern und gehen damit um. Zum Beispiel in den „Geschichten vom Franz“. Der Protagonist schaut mit seinen Locken aus wie ein Mädchen, ist außerdem zu klein für sein Alter und bekommt eine hohe Stimme, wenn er sich aufregt. Oder Gretchen Sackmeier, deren Familie im Haus nur „Die Säcke“ genannt wird, weil sie alle dick sind. Als die Mutter beschließt abzunehmen, beginnt eine veritable Familienkrise. Nöstlingers Kinder sind Außenseiter. Wie „Die feuerrote Friederike“. Sie wird wegen ihrer Haarfarbe von ihren Schulkollegen geärgert und gedemütigt, bis sie entdeckt, dass sie besondere Kräfte hat und fliegen kann. Und die Kleinen werden beschützt. Von „Rosa Riedl Schutzgespenst“. Denn Rosa Riedl wurde von einer Straßenbahn überfahren, als sie in der Nazizeit einem jüdischen Nachbarn helfen wollte. Nun darf sie weiter als gutes Gespenst auf der Erde sein und ängstlichen Kindern helfen.

Auch wenn Christine Nöstlingers Bücher bleiben, ihre Stimme wird fehlen. Verraucht und tief, etwas knarrend, wie eine Tür, die immer wieder auf- und zugeht. Die Gewissheit, dass jemand wie sie tatsächlich am Leben ist, haben wir nun verloren.

INFORMATION

  • Aus organisatorischen Gründen bitten wir um Anmeldung bis spätestens 2 Stunden vor Programmbeginn unter kunstgarten@mur.at oder +43 316 262787