Ausstellung/Gartenkunst

Verführung & Widerstand. Strategien des Überlebens.

Jan Davidsz de Heem (* April 1606 in Utrecht; † 1683 oder/or 1684 in Antwerpen)

Verführung & Widerstand.

Mary-Audrey Ramirez LUX (Artist in Residenz) und Thomas Hitchcock A führen ihre Bezüge zum Thema dem Publikum vor Augen.

Kuratorin: Irmi Horn

Dauer der Ausstellung: bis 12. Juli

Bemerkungen der Kuratorin:

Mary-Audrey Ramirez (*1990 in Luxemburg, lebt in Berlin) studierte von 2010 bis 2016 bei Thomas Zipp an der Hochschule der Künste in Berlin.

Sie hat mehrere Auszeichnungen und Künstlerresidenzen erhalten, unter anderem bei ISCP New York City, USA im Jahr 2022, im Jahr 2019 erhielt sie den renommierten Edward Steichen Award in Luxemburg für ihre textilbasierten skulpturalen und bildlichen Werke.

Ihre Werke wurden in Esch2022 + ARS ELECTRONICA (Luxemburg/Linz), Overbeck Gesellschaft (Lübeck), Dortmunder Kunstverein (Dortmund), Kunstmuseum Heidenheim, Kunsthalle Erfurt und Max Ernst Museum (Brühl) gezeigt.

2023 gab es eine Einzelausstellung von Mary-Audrey Ramirez in der Kunsthalle Gießen, außerdem wurden Werke von ihr in den Ausstellungen HIGH FIVE (Kunstpalais Erlangen), TOD UND TEUFEL (Kunstpalast Düsseldorf) und in YOUR HOME IS WHERE YOU’RE HAPPY (Haus Mödrath, Kerpen) gezeigt.

2024 eröffnete Ramirez ihre Einzelausstellung im Casino Luxembourg, gefolgt von ihren Ausstellungen UNSOLICITIED AWAKENING im Kai 10 in Düsseldorf und COMPANIONS im MARTINETZ in Köln.

Thomas Hitchcock

Thomas Hitchcock ist bildender Künstler, er lebt und arbeitet in Wien und Belgien, wobei ihn bisher auch längere Arbeitsaufenthalte nach Lissabon und Berlin führten. Er kreiert skulpturale und bildhafte Objekte, untersucht und beleuchtet verschiedene gesellschaftliche, politische, ästhetische Phänomene.

Thomas Hitchcock, geboren 1989 in Bruck/Mur (AT), schloss 2017 sein Studium an der Universität für angewandte Kunst Wien bei Brigitte Kowanz ab. Er studierte außerdem an der ENSAPC in Paris und war 2020 Teil des Independent Study Programme Maumaus in Lissabon. Einige Projekte fanden 2020 in einem von ihm kuratierten interdisziplinären Gruppenausstellungsformat mit der gleichnamigen Publikation intermezzo in Lissabon statt und sind seit 2018 als Kunst im öffentlichen Raum in der Neugestaltung des Peter-Alexander-Platzes unscene in Wien-Grinzing zu betreten. Einige seiner Objekte wurden bereits durch das Land Steiermark und die Sammlung der Universität für angewandte Kunst Wien angekauft.

Zuletzt waren seine Arbeiten beim „Förderungspreis des Landes Steiermark für zeitgenössische bildende Kunst“ in der Neuen Galerie in Graz vom 28.11.2025 – 06.04.2026 und Januar bis März 2026 das Projekt „Abstract Entities“ im KIOSK in Gent  zu sehen.

Er präsentiert im kunstGarten Wandarbeiten mit dem Sujet Bellies: als pflanzliche Vorlage dient Punica granatum. Die Arbeiten stellen eine Verbindung von Medium, Skulptur, Photographie und Zeichnung dar.
Ausgehend von dem architektonischen Element des Balusters und seinem etymologischen Ursprung in der Blüte des Granatapfelbaumes stellt er eine Verbindung zwischen dieser zarten, sinnlichen Blüte und dem doch eher als Barriere oder Grenze fungierenden Element des Balusters her.
Die Schwarzweiß Photos sind partiell mit einem Blatt Transparentpapier überdeckt und das Motiv der Blüte teilweise mit Bleistift übermalt was dem Bild einen skultpuralen Effekt verleiht. Durch diese Überlagerung von mehreren Schichten und deren Verschmelzung thematisiert er die Schwelle zwischen unterschiedlichen Ebenen, das Innen verschmilzt mit dem Aussen, die Grenze wird aufgeweicht.
Der Begriff Baluster rührt vom französischen balustre, bzw. vom gleichbedeutenden italienischen balaustro und geht zurück auf das altgriechische βαλαύστριον / balaustion = Blüte des wilden Granatapfelbaums, unreifer Granatapfel.

Thomas Hitchcock, Baluster (Bellies) 2025

Thomas Hitchcock, Bildausschnitt der Arbeit Ohne Titel (Bellies), 2025 Bleistift auf Transparentpaper, Digitaldruck, gerahmt 40 × 30 × 2 cm,

Der Granatapfel hat vielfältige kulturell-religiöse Bedeutung, ist wegen der vielen Samenkerne Symbol für Leben und Fruchtbarkeit, aber auch für Macht (Reichsapfel), Blut und Tod. Schon in der griechischen und persischen Mythologie finden wir den Granatapfel als Symbol für Fruchtbarkeit, Schönheit und ewiges Leben.

Der Granatapfel zählt zu den beständigsten und zugleich vieldeutigsten Bildmotiven der Kunstgeschichte. Seit der Antike fungiert er als Symbolträger von Fruchtbarkeit, Überfluss und Erneuerung, zugleich jedoch als Zeichen von Begrenzung, Schutz und Widerstand. In seiner ikonografischen Ambivalenz verbindet er sinnliche Verführung mit der Notwendigkeit der Zurückhaltung.

Seine leuchtende Farbe und die Vielzahl der Kerne evozieren Fülle, Begehren und Vitalität, während die harte, geschlossene Schale das Innere dem unmittelbaren Zugriff entzieht. Diese formale Spannung macht den Granatapfel zu einem visuellen Modell für das Verhältnis von äußerer Anziehung und innerer Unverfügbarkeit. Verführung erscheint hier nicht als freier Genuss, sondern als kontrollierter, symbolisch regulierter Akt.

In der altägyptischen Kunst steht der Granatapfel im Kontext funerärer Praktiken für den Widerstand des Lebens gegen den Tod und für die Hoffnung auf Wiedergeburt. Diese Bedeutung wird in der christlichen Ikonografie der Renaissance transformiert und theologisch aufgeladen. In Werken von Fra Angelico oder Sandro Botticelli erscheint der Granatapfel als Attribut von Madonna und Christuskind und verweist zugleich auf Auferstehung, Erlösung und die Einheit der Gläubigen. Seine geschlossene Form fungiert dabei als Zeichen der Keuschheit und geistigen Disziplin, während die im Inneren verborgenen Kerne das verheißene Heil symbolisieren.

Der Granatapfel markiert in diesen Darstellungen eine Schwelle: zwischen Diesseits und Jenseits, Körperlichkeit und Transzendenz, Begehren und moralischem Widerstand. Auch in der heraldischen und politischen Bildsprache – etwa im spanischen Wappen oder als Emblem der Stadt Granada – bleibt diese Doppelbedeutung wirksam. Der Granatapfel steht hier für Dauer, Identität und kulturelle Beharrung ebenso wie für Expansion und Verheißung von Reichtum.

In der Zusammenschau offenbart sich der Granatapfel als ein Motiv, das Verführung und Widerstand nicht als Gegensätze, sondern als sich gegenseitig bedingende Kräfte ins Bild setzt. Seine ikonografische Beständigkeit gründet gerade in dieser Spannung, die den Betrachter zwischen Anziehung und Distanz positioniert und den Granatapfel zu einem paradigmatischen Symbol des Lebenskreislaufs macht.

Der Granatapfelbaum (Lythraceae (Weiderichgewächse) enthält in der Wurzel und in der Rinde Alkaloide und gilt als stark giftige Pflanze. Das Fruchtfleisch hingegen ist ungiftig und kann getrost gegessen werden. Vergiftungen zeigen sich durch Übelkeit und Erbrechen (auch blutig), Magen- und Darmstörungen, Bluten der Magenschleimhaut, Schwindel, Erregung des zentralen Nervensystems, Verlangsamung des Pulses, Kollaps und Muskelversteifung. Bei starker Vergiftung sind Todesfälle möglich. Vergiftungen können im Prinzip nur auftreten, wenn die Pflanze als Mittel gegen Bandwürmer falsch dosiert wird. https://botanikus.de/informatives/giftpflanzen/alle-giftpflanzen/granatapfelbaum

Verführung und Widerstand – Strategien des Überlebens

Im Mai beginnt die Rosenzeit. Fast jede/r kennt hierzulande das untere Volkslied:

Sah ein Knab‘ ein Röslein stehn

(Die Variante von Franz Schubert)

Diese Verlockung durch die Düfte der Rosen, ihre kostbaren einfachen oder üppigen Erscheinungsformen und ihre Wehrhaftigkeit, die Besuchende im kunstGarten besonders zwischen Mai und Juni erleben können, haben mich zum Titel der Ausstellung bewogen.

Die Rose gilt seit Jahrhunderten als Sinnbild der Verführung. Ihre Farbe, ihre Form und ihr Duft sprechen die Sinne an und ziehen an. Zugleich setzt sie Grenzen: Stacheln schützen sie vor Fraß und unbedachtem Zugriff. In ihr verdichtet sich ein grundlegendes Prinzip, das weit über die Rose hinausweist.
Pflanzen sind keine passiven Wesen. Sie verfügen über hochentwickelte Strategien des Überlebens, die auf Anziehung und Abwehr beruhen. Farben, Düfte, Nektar oder Formen dienen der Verführung – sie locken Bestäuber an, sichern Fortpflanzung und Verbreitung. Gleichzeitig entwickeln Pflanzen Schutzmechanismen: Stacheln, Gifte, Bitterstoffe oder harte Oberflächen verweigern Zugriff und verteidigen das eigene Leben.
Diese doppelte Strategie – Verführung und Verweigerung – findet in der Kunst seit jeher Resonanz. Blumenstillleben, botanische Studien und symbolisch aufgeladene Darstellungen zeigen Pflanzen nicht nur als dekorative Motive, sondern als Akteure eines fein austarierten Spiels zwischen Anziehung und Widerstand. Die Rose wird so zum pars pro toto: als Bild für eine Natur, die zugleich einlädt und sich entzieht.

Verführung beschränkt sich nicht auf sinnliche oder kulinarische Genüsse. Sie wirkt tiefer: Sie kann unsere Überzeugungen erschüttern, unseren Willen schwächen und unser Handeln lenken. Der Mensch strebt seit jeher nach mehr – nach Erkenntnis, Sinn und Orientierung. Selten begnügt er sich mit dem Bestehenden.

Wo jedoch Bedürfnisse unerfüllt bleiben, wächst die Anfälligkeit für Verführung. In solchen Momenten erscheinen einfache Antworten attraktiv, alternative Deutungen plausibel, politische Versprechen verlockend. Die Kunst hat diese Dynamik über Jahrhunderte hinweg immer wieder aufgegriffen und sichtbar gemacht.

Florenz. Adam und Eva nach dem Sündenfall, Brüsseler Wandteppich, 1548, 20. Jahrhundert von Pieter Coecke van Aelst.

Bereits in der christlichen Ikonografie steht der Sündenfall für die folgenreiche Macht der Verführung: Das Versprechen von Erkenntnis führt zum Verlust der Unschuld. In der antiken Mythologie verkörpern die Sirenen jene verführerische Stimme, die Orientierung raubt und ins Verderben führt.


Herbert James Draper, Odysseus und die Sirenen (1909)- Ferens Art Gallery, Kingston upon Hull

In der Kunst der Frühen Neuzeit erscheint Verführung häufig in ambivalenter Gestalt: Figuren wie Judith nutzen Schönheit und Nähe als Mittel, um Gewalt und Unterdrückung zu überwinden. Verführung wird hier zur bewussten Strategie – moralisch vielschichtig und spannungsvoll inszeniert.

Mit der Moderne rückt zunehmend die politische Dimension in den Fokus. Künstler wie Francisco de Goya entlarven in ihren Grafiken die Verführbarkeit des Menschen durch Aberglauben, Macht und Angst. Im 20. Jahrhundert machen Werke der politischen Kunst, etwa die Fotomontagen John Heartfields, sichtbar, wie Ideologie, Propaganda und einfache Bilder Massen verführen und manipulieren können.

John Heartfield, Mimicry, from The Workers‘ Illustrated News (1934)

Der Verführung steht der Widerstand gegenüber. Auch er ist ein wiederkehrendes Motiv der Kunst: als Akt des Gewissens, als Zweifel, als offene Gegenwehr. Widerstand kann sich leise äußern oder laut, individuell oder kollektiv, symbolisch oder konkret.

Um die Versuchungen unserer Gegenwart und die Notwendigkeit des Widerstehens zu verstehen, ist der Blick in die Geschichte – und in ihre Bilder – unverzichtbar.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Verschiedene Künstlerinnen haben sich diesen Spannungen besonders expressiv angenommen.

Artemisia Gentileschi zeigt in ihren Gemälden Frauen, die selbstbestimmt, stark und oft widerständig agieren – wie Judith, die Holofernes überwältigt. Wie Susanna in Susanna und die Alten sich gegen die Bedränger wehrt.

Rachel Ruysch, „Stillleben mit Rosenzweig, Käfer und Biene“, 1741

Rachel Ruysch, eine Meisterin der Blumenstillleben des Barock, inszeniert Pflanzen in ihrer Schönheit und Verletzlichkeit, mit feinen Details von Blüten und Dornen, die gleichzeitig verlocken und abwehren. In der zeitgenössischen Kunst untersucht Olafur Eliasson die Beziehung zwischen Natur, Wahrnehmung und Grenzerfahrung, während Kara Walker symbolisch mit Motivik von Schönheit und Bedrohung spielt. Sie konfrontiert ihre Betrachter*innen mit Bildern, die anziehen und zugleich abstoßen – ähnlich wie ein vertrautes Motiv, das bei näherer Betrachtung seine Schönheit verliert und Unbehagen erzeugt. In diesem Sinn entlarvt sie die Verführung durch scheinbar harmlose Narrative und legt die zugrunde liegenden Machtstrukturen offen.

Kara Walker,
U.S.A. Idioms, 2017, Sumi ink and collage on paper, 304.8 × 444.5 cm

Jennifer Wen Ma (1973 in Peking, lebt und arbeitet zwischen New York und Beijing) verwendet Pflanzen als Material und Metapher. Besonders bekannt sind ihre Arbeiten, in denen sie lebende Pflanzen mit chinesischer Tusche (Ink) bedeckt – einem organischen, pflanzlichen Medium – und sie so zu lebenden Skulpturen und interaktiven Landschaften verwandelt. In ihrer Installation Hanging Garden in Ink (2012) wurden rund 1 500 lebende Pflanzen mit chinesischer Tusche schwarz eingefärbt und in der Ausstellung gehängt. Die Arbeit spielt mit dem Kontrast von Leben und Stillstand: die Pflanzen wachsen weiter, treiben grüne Knospen aus dem schwarzen Ink heraus und machen so die Resilienz und Ausdauer des Lebens sichtbar.
Pflanzen werden zunächst durch ihre Form, Farbe und Präsenz sichtbar und ziehen die Aufmerksamkeit auf sich – zumal sie eine Art Gartenbild im Raum erzeugen, das naturhaft vertraut und sinnlich wirkt. Die Pflanzen wachsen trotz der Einschränkung durch Tusche weiter und brechen erneut hervor. Dieses sichtbare – beinahe kämpferische – Wachstum kann als Metapher für Überlebenslust, Beharrlichkeit und Widerstandskraft des Lebens gelesen werden.

Jennifer Wen Ma Hanging Garden in Ink (2012)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Anaïs Horn hat 2022 im kunstGarten mit Rosen gearbeitet und die Installation Blooming Simulacra entwickelt.

Blooming Simulacra
Projektbeschreibung 2022
Ein Lichtschein auf dem Faltenwurf, die Blüten im Dunkel versinkend, ist es Abendlicht, das durch einen zarten Vorhang streift, oder ist es das letzte Aufflackern einer Kerze, das dieses Bild erhellt? Wie still sind die Objekte in diesem Stillleben, wie tot ist die Natur in dieser Nature Morte? Das radikale Denken (Baudrillard) bezieht seine Kraft – ähnlich dem echten Bild, das „dieses Zittern der Welt“ bewusst macht – aus der Ablehnung der Wirklichkeit. Statt Transparenz zu schaffen, wird das Geheimnis wieder eingeführt: Die Illusion erarbeiten, erschaffen. Rätselhaft machen, was klar ist, unbegreiflich, was begreiflich ist… die Welt so zurückgeben, wie wir sie bekommen haben, unbegreiflich. Für „Blooming Simulacra“ inszenierte Horn lebendige Stillleben im Grazer kunstGarten. Ein Augenblick des Entstehens wird fotografisch abge- bildet, ein Moment im Laufe des Vergehens, im Kreislauf – eine nächtliche Illusion – sichtbar gemacht, wie sie niemals sichtbar sein kann. Nach diesem Moment der Aneignung werden die lebendigen Bilder der Natur zurückübergeben und wandeln sich: Als Zeuge bleibt das eine Bild, das Punctum. In der Ausstellung werden diese Bilder präsentiert – aber auch die lebendigen Still- leben aus Keilrahmen, Stoffen und Pflanzen, die dann schon einige Wochen lang dem Lauf der Natur überlassen wurden und sich verändert haben, zu jeder Tages- und Nachtzeit, in jedem Augenblick, nie mehr gleich aussehen werden. Das Geheimnis des einzelnen Bildes bleibt für immer verborgen.

I like listening to night creatures, Untitled (Charles Austin, 1971) (c) Anaïs Horn 2022

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Anaïs Horn, Blooming Simulacra, installation, 2022, Duchesse-satin (indigo 80 × 50, purple 180 × 110 cm)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Blooming Simulacra (c) Anaïs Horn 2022-Videostill

Der kurze Film We call change in a person the effect of time, 2022, video (color, sound), 2:50, sound composed and performed by Eilert Asmervik ergänzte die Installation, die schlussendlich den gesamten Rosengarten betraf, wo die sinnliche visuelle, auditive, olfaktorische und haptische Komponente erlebt werden konnte.

Anaïs Horns multidisziplinäre Praxis bewegt sich fließend über Medien hinweg und schafft intime, oft ortsspezifische Umgebungen. Ihre Arbeit zeichnet die Spannung zwischen Präsenz und Abwesenheit nach, wo sich persönliche Erzählungen – autobiografische Fragmente, Übergangsriten oder die Biografien historischer (weiblicher) Persönlichkeiten – zu breiteren Reflexionen über die zeitgenössische Existenz entwickeln und wie Erinnerungen und (ihre) Geschichte/Geschichten durch die spektrale Präsenz von Objekten und Räumen widerhallen.

Ihre Bilder nehmen Gestalt an, indem sie Oberflächen und Objekte erforscht, und sie entfalten sich häufig zu räumlichen Installationen und Künstlerbüchern.

Neben persönlichen Erzählungen führt sie Elemente der Illusion und des Geheimnisses ein und versucht, ihre Arbeit in einen Raum dazwischen zu versetzen, der Jean Baudrillards radikales Denken berührt, das seine Macht bezieht – ähnlich wie das reale Bild, das uns auf dieses „Zittern der Welt“ aufmerksam macht – aus der Ablehnung der Realität. Anstatt Transparenz zu schaffen, wird das Geheimnis wieder eingeführt: Geheimnisvoll machen, was klar ist, unverständlich, was verständlich ist, die Welt so zurückgeben, wie wir sie haben, unverständlich.

Das Buch der Künstlerin ist ein wichtiges Medium für ihre Arbeit. Je suis malheureuse et heureuse wurde für den Photo-Text Book Award beim Fotofestival Les rencontres d’Arles 2021 und in der offiziellen Auswahl des Oslo Fotobokfestivals in die engere Wahl gezogen.

Anaïs Horn, geboren in Graz (AT), lebt und arbeitet in Paris (FR) und Lunigiana (IT). Mit einem Hintergrund in Literatur und Kommunikationsdesign absolvierte sie 2015 die Friedl Kubelka School for Fine Art Photography, Wien. Sie hat mehrere Stipendien und Residenzen erhalten, z.B. an der Cité Internationale des Arts, Paris (2017–2018 und 2021) oder der ISCP New York City (2020–online, 2022, 2025).

Im Jahr 2022 war sie zusammen mit Boah Kim Mitbegründerin des Verlags Drama Books in Paris.

Im Jahr 2023 war sie zusammen mit ihrem Partner Eilert Asmervik Mitbegründerin des von Künstlern geführten Pop-up-Raums Cabanon in ihrem Pariser Studio.

Im übertragenen Sinne spiegeln pflanzlichen Strategien auch menschliche Erfahrungen.

Verführung und Widerstand, Begehren und Grenze, Nähe und Distanz sind nicht allein kulturelle oder politische Phänomene – sie sind tief in den Mechanismen des Lebens selbst verankert.
Der Blick auf Pflanzen eröffnet damit eine neue Perspektive: Verführung erscheint nicht mehr nur als moralische Versuchung, sondern als elementare Kraft des Überlebens. Widerstand wiederum wird zur notwendigen Bedingung von Selbstbehauptung. Beides zusammen bildet ein Gleichgewicht, das Natur, Kunst und Gesellschaft miteinander verbindet.

Irmi Horn