Jan Davidsz de Heem (* April 1606 in Utrecht; †1683 oder/or 1684 in Antwerpen)
Verführung & Widerstand.
Jakob Buchner A / Mary-Audrey Ramirez LUX
Kuratorin: Irmi Horn
Dauer der Ausstellung: bis 12. Juli
Verführung und Verweigerung – Strategien des Überlebens
Verführung beschränkt sich nicht auf sinnliche oder kulinarische Genüsse. Sie wirkt tiefer: Sie kann unsere Überzeugungen erschüttern, unseren Willen schwächen und unser Handeln lenken. Der Mensch strebt seit jeher nach mehr – nach Erkenntnis, Sinn und Orientierung. Selten begnügt er sich mit dem Bestehenden.
Wo jedoch Bedürfnisse unerfüllt bleiben, wächst die Anfälligkeit für Verführung. In solchen Momenten erscheinen einfache Antworten attraktiv, alternative Deutungen plausibel, politische Versprechen verlockend. Die Kunst hat diese Dynamik über Jahrhunderte hinweg immer wieder aufgegriffen und sichtbar gemacht.

Florenz. Adam und Eva nach dem Sündenfall, Brüsseler Wandteppich, 1548, 20. Jahrhundert von Pieter Coecke van Aelst.
Bereits in der christlichen Ikonografie steht der Sündenfall für die folgenreiche Macht der Verführung: Das Versprechen von Erkenntnis führt zum Verlust der Unschuld. In der antiken Mythologie verkörpern die Sirenen jene verführerische Stimme, die Orientierung raubt und ins Verderben führt.

Herbert James Draper, Odysseus und die Sirenen (1909)- Ferens Art Gallery, Kingston upon Hull
In der Kunst der Frühen Neuzeit erscheint Verführung häufig in ambivalenter Gestalt: Figuren wie Judith nutzen Schönheit und Nähe als Mittel, um Gewalt und Unterdrückung zu überwinden. Verführung wird hier zur bewussten Strategie – moralisch vielschichtig und spannungsvoll inszeniert.

Caravaggio, Giuditta e Oloferne (c. 1598–1599 or 1602), Galleria Nazionale d’Arte Antica at Palazzo Barberini, Rom
Mit der Moderne rückt zunehmend die politische Dimension in den Fokus. Künstler wie Francisco de Goya entlarven in ihren Grafiken die Verführbarkeit des Menschen durch Aberglauben, Macht und Angst. Im 20. Jahrhundert machen Werke der politischen Kunst, etwa die Fotomontagen John Heartfields, sichtbar, wie Ideologie, Propaganda und einfache Bilder Massen verführen und manipulieren können.

John Heartfield, Mimicry, from The Workers‘ Illustrated News (1934)
Der Verführung steht der Widerstand gegenüber. Auch er ist ein wiederkehrendes Motiv der Kunst: als Akt des Gewissens, als Zweifel, als offene Gegenwehr. Widerstand kann sich leise äußern oder laut, individuell oder kollektiv, symbolisch oder konkret.
Um die Versuchungen unserer Gegenwart und die Notwendigkeit des Widerstehens zu verstehen, ist der Blick in die Geschichte – und in ihre Bilder – unverzichtbar.
Die Rose gilt seit Jahrhunderten als Sinnbild der Verführung. Ihre Farbe, ihre Form und ihr Duft sprechen die Sinne an und ziehen an. Zugleich setzt sie Grenzen: Stacheln schützen sie vor Fraß und unbedachtem Zugriff. In ihr verdichtet sich ein grundlegendes Prinzip, das weit über die Rose hinausweist.
Pflanzen sind keine passiven Wesen. Sie verfügen über hochentwickelte Strategien des Überlebens, die auf Anziehung und Abwehr beruhen. Farben, Düfte, Nektar oder Formen dienen der Verführung – sie locken Bestäuber an, sichern Fortpflanzung und Verbreitung. Gleichzeitig entwickeln Pflanzen Schutzmechanismen: Stacheln, Gifte, Bitterstoffe oder harte Oberflächen verweigern Zugriff und verteidigen das eigene Leben.
Diese doppelte Strategie – Verführung und Verweigerung – findet in der Kunst seit jeher Resonanz. Blumenstillleben, botanische Studien und symbolisch aufgeladene Darstellungen zeigen Pflanzen nicht nur als dekorative Motive, sondern als Akteure eines fein austarierten Spiels zwischen Anziehung und Widerstand. Die Rose wird so zum pars pro toto: als Bild für eine Natur, die zugleich einlädt und sich entzieht.
Künstlerinnen haben diese Spannungen besonders sensibel dargestellt.
Artemisia Gentileschi zeigt in ihren Gemälden Frauen, die selbstbestimmt, stark und oft widerständig agieren – wie Judith, die Holofernes überwältigt. Wie Susanna in Susanna und die Alten sich wehrt.

Artemisia Gentileschi, Judith und Holofernes, um 1612–1613
Öl auf Leinwand
158,8 × 125,5 cm
Museo di Capodimonte, Neapel

Artemisia Gentileschi, Susanna und die Alten, entstanden 1610, Schloss Weissenstein, Pommersfelden.
Rachel Ruysch, eine Meisterin der Blumenstillleben des Barock, inszeniert Pflanzen in ihrer Schönheit und Verletzlichkeit, mit feinen Details von Blüten und Dornen, die gleichzeitig verlocken und abwehren. In der zeitgenössischen Kunst untersucht Olafur Eliasson die Beziehung zwischen Natur, Wahrnehmung und Grenzerfahrung, während Kara Walker symbolisch mit Motivik von Schönheit und Bedrohung spielt. Sie konfrontiert ihre Betrachter*innen mit Bildern, die anziehen und zugleich abstoßen – ähnlich wie ein vertrautes Motiv, das bei näherer Betrachtung seine Schönheit verliert und Unbehagen erzeugt. In diesem Sinn entlarvt sie die Verführung durch scheinbar harmlose Narrative und legt die zugrunde liegenden Machtstrukturen offen.

Kara Walker,
U.S.A. Idioms, 2017Sumi ink and collage on paper, 304.8 × 444.5 cm
Jennifer Wen Ma (1973 in Peking, lebt und arbeitet zwischen New York und Beijing) verwendet Pflanzen als Material und Metapher. Besonders bekannt sind ihre Arbeiten, in denen sie lebende Pflanzen mit chinesischer Tusche (Ink) bedeckt – einem organischen, pflanzlichen Medium – und sie so zu lebenden Skulpturen und interaktiven Landschaften verwandelt. In ihrer Installation Hanging Garden in Ink (2012) wurden rund 1 500 lebende Pflanzen mit chinesischer Tusche schwarz eingefärbt und in der Ausstellung gehängt. Die Arbeit spielt mit dem Kontrast von Leben und Stillstand: die Pflanzen wachsen weiter, treiben grüne Knospen aus dem schwarzen Ink heraus und machen so die Resilienz und Ausdauer des Lebens sichtbar.
Pflanzen werden zunächst durch ihre Form, Farbe und Präsenz sichtbar und ziehen die Aufmerksamkeit auf sich – zumal sie eine Art Gartenbild im Raum erzeugen, das naturhaft vertraut und sinnlich wirkt. Die Pflanzen wachsen trotz der Bremsung der Tusche weiter und brechen erneut hervor. Dieses sichtbare – beinahe kämpferische – Wachstum kann als Metapher für Überlebenslust, Beharrlichkeit und Widerstandskraft des Lebens gelesen werden.

Jennifer Wen Ma Hanging Garden in Ink (2012)
Im übertragenen Sinne spiegeln diese pflanzlichen Strategien auch menschliche Erfahrungen. Verführung und Widerstand, Begehren und Grenze, Nähe und Distanz sind nicht allein kulturelle oder politische Phänomene – sie sind tief in den Mechanismen des Lebens selbst verankert.
Der Blick auf Pflanzen eröffnet damit eine neue Perspektive: Verführung erscheint nicht mehr nur als moralische Versuchung, sondern als elementare Kraft des Überlebens. Widerstand wiederum wird zur notwendigen Bedingung von Selbstbehauptung. Beides zusammen bildet ein Gleichgewicht, das Natur, Kunst und Gesellschaft miteinander verbindet.
