Löwenzahn (Taraxacum). Photo kunstGarten
Alexandra Gschiel & Markus Wilfling.
Kuratorin: Irmi Horn
Begrüßung Stadträtin Dr.in Claudia Unger.
Einführung: Christina Töpfer (Chefredaktion), Camera Austria
Überlegungen der Kuratorin:
Wenn dieser Stadtteil auch über vergleichsweise viele Grünflächen verfügt, ist er doch zugleich von Siedlungsreihen und Häuserblocks geprägt – Wohn- und Lebensräumen, denen bisweilen jenes Anheimelnde fehlt, das Geborgenheit vermittelt oder jenes ästhetische Glücksgefühl auszulösen vermag, das unsere Wahrnehmung einer Umgebung verändert.
Während das Kunsthaus Graz mit BLOOM den Stadtraum bespielt, tritt der kunstGarten mit einem Pflanzenarchiv sowie den Arbeiten zweier Künstler in diesen Dialog ein. Ihnen ist es freigestellt, sich dem Thema auf eigene Weise anzunähern und das Künstliche in die natürliche Pflanzenwelt einzufügen – als Kontrast, als Erweiterung oder als nahezu unmerkliche Verbindung.
Der Ausstellungstitel verweist auf die Kraft einzelner Erscheinungen. Eine blühende Pflanze an einer grauen Hausfassade kann Trost spenden, Hoffnung wecken und die Wahrnehmung eines gesamten Ortes verändern. Eine einzelne Wildblume, die trotz intensiv bewirtschafteter Felder und herbizidbereinigter Landschaften aufleuchtet, wird zum stillen Hinweis auf die fragile Balance unserer Umwelt. Gleichzeitig wachsen Wegwarte, Klatschmohn oder andere Wildpflanzen oft unbeachtet am Wegesrand – nicht, weil sie unsichtbar wären, sondern weil vielen der Bezug zu ihnen verloren gegangen ist. In einer von künstlicher Reizüberflutung geprägten Gegenwart schwindet zunehmend die Fähigkeit, Natur aufmerksam wahrzunehmen und als Erfahrungsraum zu begreifen.
Die Ausstellung versteht diese Beobachtungen zugleich als Metapher für unser gesellschaftliches Miteinander. Inmitten von Gleichgültigkeit kann eine einzelne Geste der Freundlichkeit hervorstechen. Zwischen unzähligen Kunstwerken kann eines nachhaltig berühren. Im Kreislauf des Alltags kann ein einziger Moment alles verändern.
Im übertragenen Sinn stellt die Ausstellung die Frage nach unserer Aufmerksamkeit gegenüber unseren Mitmenschen und Mitgeschöpfen. Vielleicht genügt ein Wort des Verstehens, um einen Weg zu öffnen, der das unwirtliche Grau der Ignoranz durchbricht.  Vielleicht genügt eine Pflanze, ein Bild oder eine Geste.
Mit ihren Arbeiten nähert sich Alexandra Gschiel diesen Fragen über die Lochbildkamera. In einer an die Lomografie erinnernden Bildsprache rückt sie besondere Momente ins Zentrum. Technisch bewusst unperfekt vermitteln ihre Fotografien Eindrücke, die der Fantasie Raum geben und deren ästhetische Verschiebungen zu einem Transfermittel unserer Wahrnehmung werden. Was wie ein flüchtiger Schnappschuss erscheint, ist in Wirklichkeit das Ergebnis langen Stillhaltens – eines Versenkens in einen Zustand konzentrierter Aufmerksamkeit, der beinahe meditativ genannt werden kann. So entstehen Bilder, die weniger festhalten als sichtbar machen, wie Sehen selbst geschieht.

Zwischenspielpaar, Alexandra Gschiel und Markus Wilfling, Serie Papiernegativ-Abzug durch Camera obscura auf Silbergelatine-Barytpapier, 40x50cm, 2026

Markus Wilfling widmet sich der Ruine eines Baumes. Mit der Bearbeitung seines Stammes greift er in eine gewachsene Struktur ein und macht damit gleichermaßen die schöpferische Kraft wie auch die Hybris des menschlichen Handelns sichtbar.
Die Arbeit verweist auf unsere Abhängigkeit von der Natur – jenem Raum, in dem unser Dasein verwurzelt ist und aus dem wir zugleich unablässig entnehmen. Sie lenkt den Blick auf das Spannungsfeld zwischen Nutzen und Ausnützen, zwischen Fürsorge und Missbrauch, zwischen Aneignung und Verantwortung.
Zugleich wird der Baumstamm zur Skulptur eines einst Lebendigen. Seine Oberfläche verändert sich täglich, Witterung und Zeit schreiben sich in das Material ein. Die Arbeit macht Vergänglichkeit erfahrbar und erinnert daran, dass Schönheit nicht trotz, sondern gerade im Wandel entsteht.
Vor diesem Hintergrund erscheint die Ignoranz gegenüber den Folgen eines auf permanentes Wachstum ausgerichteten Denkens umso deutlicher. Die Reduktion der Welt auf persönliche Bedürfnisse, ökonomische Interessen oder Machtansprüche Einzelner, von Gruppen oder Staaten, wirkt wie ein todbringender Schildbürgerstreich – ein Handeln wider besseres Wissen, das letztlich jene Grundlagen zerstört, von denen wir selbst abhängig sind.
P.S.:
Ursprünglich hatte kunstGarten das norwegische Künstlerpaar Andrea Bakketun und Christian Tony Norum als Artists in Residence eingeladen, um den internationalen künstlerischen Austausch im 5. Grazer Bezirk weiterzuführen.
Da die beiden für das Jahr 2026 keine Förderung erhielten, wurde das Programm verschoben und mit den ursprünglich für 2027 vorgesehenen österreichischen Künstler getauscht. Alexandra Gschiel und Markus Wilfling, die ihrerseits international ausstellen und arbeiten, realisieren nun die diesjährigen eigens für den kunstGarten entwickelten Interventionen.
