Ausstellung/Gartenkunst

MANIFESTE. Zeichen setzen.

Josef Fürpaß, BRITISH CONDITIONS 2019/20

MANIFESTE. Zeichen setzen.
Verstehen, Verbünden, Verbreiten.

Ona B., Kollektiv RISOGRAD, Pao KitschRenate KordonJosef FürpaßKlaus Dieter Zimmer, Keyvan Paydar im kunstGarten und in der Street Gallery

Ein Gespenst geht um in Europa“ – mit diesem Satz des berühmtesten aller Manifeste, des „Kommunistischen Manifestes“ beginnt ein Reigen, bei dem sich bildende und performative Künstler, Architekten, Musiker, Literaten und Filmemacher ein Stelldichein geben. Es sind Texte, mitunter auch Inszenierungen, die den Mut haben, bei aller Unvernunft das ganz Andere zu denken. Angesichts einer Welt, deren eigenzerstörerisches Potenzial beständig wächst, verdienen Manifeste als Aufstand gegen das Gewohnte ein besonderes Interesse. Unabhängig davon, ob sie für die Erhaltung der Natur oder die totale Mobilität, ob sie für den funktionalen Zweckbau oder die Herrschaft des Schimmels, ob sie für die totale wirtschaftliche Freiheit des Einzelnen oder die Vergesellschaftung allen Besitzes eintreten. Oder gar für die Abschaffung des Manifests …

In West und Ost haben populistische Bewegungen, die parlamentarischer Demokratie und europäischer Integration skeptisch gegenüberstehen, an Zulauf gewonnen. Es droht eine neue Welle des Nationalismus. …

Étienne François fordert in „1918–2018: Ein Manifest“ auf, Zeichen zu setzen für Menschenrechte und Meinungsfreiheit, für Rechtstaatlichkeit und Einhaltung des Völkerrechtes. „Wir haben die Gestaltung der Zukunft in unseren Händen“, betont der Historiker. „Nutzen wir die Chance aus!“

Es geht um die Bedeutung des Friedens für Europa und die Welt. Der erste Anlauf, diesen Werten nach 1918 weltweit Gestalt zu geben, scheiterte. Mit der Gründung der Vereinten Nationen und der Verabschiedung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte wurde nach 1945 ein zweiter Versuch unternommen. In Europa kam dies aber zunächst nur der westlichen Hälfte zugute.

Wenn wir uns nach der COVID 10-Krise umsehen, sollte ein neuer Blick entstehen.
Was bedeutet Wirtschaft wirklich? Müssen sinnlose Dinge, die Ressourcen verbrauchen und vielen Menschen ein sklavenartiges Dasein verschaffen, zuhauf produziert werden?

Wäre es nicht an der Zeit, die Menschen mit einem Grundeinkommen auszustatten und ihre Energie sinnvoll nützen oder entsprechende Zusatzentlohnungen gewähren für wesentliche Aufgaben: Egal ob für Müllentsorgung, Versorgung, Bildung, Kunst oder Politik im Sinn der Menschenrechte?

Wie würde sich die Natur erholen, wie könnte das Zusammenleben dadurch friedlich werden, wenn eine grundsätzliche Gerechtigkeit Platz griffe?

Und nun kommt die Kunst zu Wort und Bild. Ernst und humorvoll.

Künstler*innen manifestieren immer! Seien es ihr ästhetisches Verständnis, sei es die Wahl ihrer Medien, ihres Materials, sei es ihr Blick auf die Welt, ihr gesellschaftliches Verständnis, ihr Mitweltbewusstsein, die sie dem Gegenüber vorstellen, preisgeben und damit zu kritischer Auseinandersetzung auffordern.

Wenn ihr ein Bild betrachtet, denkt nie daran, was die Malerei – wie alle Dinge dieser Welt – sein soll oder was viele möchten, daß sie sei. Die Malerei kann alles sein. Sie kann ein Sonnenfleck sein mitten in einem Windstoß. Sie kann eine Gewitterwolke sein. Sie kann der Schritt eines Menschen auf dem Weg ins Leben sein. Oder ein Aufstampfen mit dem Fuß – weshalb nicht? , um zu sagen: Basta – Jetzt ist´s aber genug! Sie kann ein saner Morgenhauch voller Hoffnungen sein oder ein scharfer Luzug aus einem Gefängnis. Sie kann die Blutflecken einer Wunde sein oder der Gesang eines ganzen Volkes unter blauem oder gelbem Himmel. Die Malerei kann sein, was wir selbst sind: das Heute, das Jetzt und das Immer. Eine Einladung zum Spielen, eine Einladung, aufmerksam hinzuschauen…, eine Einladung zum Denken.“
Aus: „Die Praxis der Kunst“, Kap.7: „Sehen lernen – ein Spiel“, von Antoni Tàpies (1976; Erker-Verlag, CH-St. Gallen)

ONA B. zählt zu den wichtigsten Vertreterinnen feministischer Kunst in Österreich. Ihr bevorzugtes Ausdrucksmittel ist die Farbe Rot. ONA B. (*1957 in Wien) studierte an der Universität für angewandte Kunst in Wien. Die transmediale Künstlerin macht Installationen, Musik, Filme, Konzepte, ist Malerin und Mitglied der Künstlergruppe DIE DAMEN (Evelyne Egerer, Birgit Jürgenssen (gest. 2003), Ingeborg Strobl und seit 1993 Lawrence Weiner).

ONA B. Filmstill – FACE 2 FACE: EYES OPENING, 2020

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Pao Kitsch (Mexiko, 1982) ist eine in Berlin lebende Künstlerin. Sie studierte Bildende Kunst an der École Nationale Superieure de Beaux Arts in Lyon (Frankreich) und schloss ihr Bachelor-Studium an der Nationalen Schule für Malerei, Skulptur und Druckgrafik „La Esmeralda“ (Mexiko-Stadt) ab. In 2018 präsentierte sie „Failure of Utopia?“ als Arbeit für ihr M.A.-Abschluss an der Weißensee Kunsthochschule Berlin. In ihrer künstlerischen Praxis untersucht sie die Themen Kindheitserinnerungen, Natur sowie Menschen- und Tierrechte.

 

Renate Kordon studierte Architektur und Grafik in Graz und Wien, machte ein Meisterjahr bei Maria Lassnig. Ihre künstlerischen Schwerpunkte sind Trickfilm, Zeichnung, Installation, Kunst im öffentlichen Raum und Filmräume. Nach mehreren Stipendienaufenthalten in Paris, Rom und Kanada unterrichtete sie „City Scape Drawing“ in Detroit und „Labor Animation“ in Linz. Von 2007 bis 2010 war sie Co-Kuratorin und Co-Organisatorin von Asifakeil TrickfilmKunstraum im MQ Wien und gründete 2010 das Institut für ZEITverschiebung in Graz.

In ihren Zeichnungen und Trickfilmen, Installationen und Skulpturen, Filmräumen und Kunst im öffentlichen Raum führt sie Dimensionen ad absurdum, stellt Sehgewohnheiten in Frage und weiß humorvoll kritisch Linien zu ziehen.

Renate Kordon Filmstill aus HAUTE COUTURE 2006

 

 

 

 

 

 

 

RISOGRAD
Verstehen, Verbünden, Verbreiten
Automat gefüllt mit drei verschiedenen Drucksorten
2019

Ein ehemaliger Kondom-Automat wurde vom Grazer Kollektiv Risograd neu befüllt: drei verschiedene Pakete beinhalten eine Chronologie, eine Manifest-Sammlung und ein Aktivismus-Paket, die eine feministische Gesellschaftskritik üben. Dabei stehen die Miniatur-Druckwerke unter den Schlagwörtern VERSTEHEN | VERBÜNDEN | VERBREITEN für feministisches Wissen, Solidarität und Austausch.

Unter VERSTEHEN findet sich eine Chronologie mit einer Auswahl von feministischen/frauen*rechtsspezifischen Aktivitäten, Fortschritten und Kämpfen in Österreich, die vom 19. Jahrhundert bis heute reicht. Historische Abbildungen ergänzen diese längst fällig gewesene feministische Österreich-Chronologie im Taschenformat.

Die Manifest-Sammlung VERBÜNDEN ist ein Publikation, die Grundsatzerklärungen, öffentliche Briefe und Statements feministischer Gruppen und Einzelpersonen versammelt. Sie zeigen die Bandbreite der feministischen Bewegung, ihrer Forderungen und der verschiedenen Sphären, in denen Manifeste wirken.

Das VERBREITEN-Aktivismus-Paket enthält Sticker und Buttons mit Schlagwörtern, die zum feministischen Widerstand aufrufen. In einer kleinen Packungsbeilage werden die gleich simplen wie mehrdeutigen Wörter kontextualisiert, je nach Umfeld kann sich jedoch Intensität und Bedeutung der Sticker verändern.

Wie funktioniert der Automat?

Drei Mal 1 Euro-Münzen mit Schwung einwerfen und am Bolzen ziehen!

Das Kollektiv RISOGRAD wurde 2017 gegründet und hat seine Basis in Schaumbad — Freies Atelierhaus Graz.

RISOGRAD: Feministische Manifestsammlung

 

 

 

 

 

 

 

Josef Fürpaß

Geboren 1960, lebt als Buchgestalter, Zeichner, Maler & Bandoneonist in Graz und St. Katharein an der Laming/Österreich.

Er ist Gründungsmitglied des Vereins DruckZeug, war 2012 bis 2014 Betreiber & Programmgestalter der Keplerkoje in Graz, er widmet sich inhaltlich und formal den gestalterischen Möglichkeiten an der Schnittstelle der Bereiche Typografie, Buchdruck, (Druck-)Grafik, Malerei & Literatur.

Seit 2011 Lehrbeauftragter an der Meisterschule für Kunst & Gestaltung an der Ortweinschule in Graz.

Keyvan Paydar (*1984 in Teheran),
Lebt und arbeitet als freischaffender Künstler und Kurator in Graz.

In Phantom Limbs (Phantomschmerzen), der Arbeit von Keyvan Paydar, entsprießt das Leben neu. Organisch bunte Plastiken als Prothesen für amputierte Gliedmaßen der geplagten, oft verstümmelten Natur, deren Phantomschmerzen uns als Täter oder Opfer gleichermaßen quälen, erblühen auf harzblutenden Narben. Es sind Phantome, die sich wie der unsichtbare Atem der Natur im Frühling als Knospen in Form farbiger Blasen manifestieren.

PHANTOM LIMBS Mein Freund, der Baum von ​Keyvan Paydar (*1984 in Teheran).
Er lebt und arbeitet als freischaffender Künstler und Kurator in Graz.

 

Kevan Paydar PHANTOM LIMBS: MEIN FREUND, DER BAUM (Foto Nikola Milatovic), 2018

Klaus Dieter Zimmer geb. in Bergneustadt / D. lebt u. arbeitet in Graz.
Das Diplom Mag. art. erhielt er nach dem Studium der Malerei und Graphik an derAkademie der bildenden Künste, Wien.

Preise und Stipendien führten den Künstler und Lehrer an zahlreiche verschiedene Universitäten und Schulen, seine Arbeiten wurden international ausgestellt und befinden sich auch im Besitz von musealen Sammlungen.

Seit vielen Jahren beschäftige ich mich intensiv mit der Zeichnung und anderen
Ausdrucksformen in der Zeichnung. Im Hauptthema liegen vordergründig naturbezogene
Motive, die aufgelöst werden von Phänomen der Freizeitkultur, wie z.B. von Samplings, Collagen
und Logos aus Outdoor Reportagen. Meine Arbeiten auf Papier sind also nicht in der Natur,
sondern nach der Natur entstanden. Aus einer Informationskultur heraus. Eine Ausnahme
machen semi-dokumentarische Kurzfilme, die direkt vor Ort, also in der Natur entstehen. In
weiterer Folge beschäftige ich mit den tektonischen Plattenverschiebungen, die auch in der
Zeichnung und Collage, aber hauptsächlich in skulpturalen Objekten umgesetzt werden. Die
Materialität dieser Objekte besteht aus Glas, Lack und Stahl. Ein weiterer künstlerischer Aspekt
in meinem zeichnerischen Schaffen bildet der „Wetzelsdorfer Schreibraum“, ein Ort, ein Raum,
in dem gezeichnet, dokumentiert und geschrieben wird. Die Texte zu „switch the nature“ und
„die Reise zum Plabutsch“, die in einem demnächst erscheinenden Buch veröffentlicht werden,
haben hier begonnen und nehmen ihren Verlauf, bis diese Fiktionen, die sich mit Landschaft im
weitläufigsten Sinne beschäftigen, vollendet beschrieben werden.
„Hat sich Klaus D. Zimmer zwischen 2015 bis 2017 thematisch primär mit dem Spannungsfeld
von Natur und Freizeitkultur befasst und hier einen oft gestisch-expressiven Zeichenduktus mit
dem Medium der Collage kombiniert, sind seine neuen Zeichnungen stärker dem stillen
Beobachten und sensibilisierten Gestus der Naturerscheinungen gewidmet. ‚Bäume, die
erzählen‘, sagt er etwa zu einer Reihe dieser mittelformatigen Papierarbeiten, zu denen auch
seine mit Tree-somes überbetitelten Blätter zählen, deren pflanzliche ProtagonistInnen feminine
oder maskuline Charaktere anzunehmen scheinen. Um seine anthropomorphen Natur-
Beobachtungen zu verdeutlichen, gibt er diesen Zeichnungen Titel wie Achselhaarbaum,
Women‘s Tree, Wimpernbaum, Wings, Mann-Baum, Frau-Baum, Baum frisst Baum oder auch
„literarische“ wie etwa Die Hürde – ich habe noch nie mit einem Baum geschlafen.
Klaus D. Zimmer erzählt Geschichten – in seinen Zeichnungen wie auch in seinen Texten. Fiktion,
Realität und Fantasie liegen hier stets dicht beisammen, expressis verbis etwa in der mit
Kugelschreiber beschriebenen und spiegelverkehrt montierten Collage Gezeichnete Wahrheiten
sind gezeichnete Unwahrheiten aus dem Jahr 2018. Zugleich geraten hier und neuerdings die
Skizze, die Gedankenskizze, oft nur lapidar gefertigt, manchmal aber auch mit offenkundiger
Hingebung zum Gegenstand detaillierter ausgeführt, zum Hauptprodukt in Zimmers
zeichnerischem Schaffen.
Dem gegenüber beruhen seine skulpturalen Arbeiten oft auf historischen Recherchen. Die aus
Beton und Aluminium gefertigten Fleur Skulpturen etwa gehen auf seine Beschäftigung mit der
Entwicklung des Stahlbetons zurück. Um 1824 hatte der englische Maurer Joseph Aspdin ein
neues Bindemittel aus gebranntem Ton und Kalk gefunden, das er Portlandzement nannte.
Durch Mischen mit Sand und Wasser entstand daraus Beton, der aber nur für Fundamente
geeignet war. Erst der französische Gärtner Joseph Monier goss um 1867 in Pflanzenkübel, die
er als Verschalungsformen verwendete, Beton, die er mit Eisenstangen bestückte. So entstand
der Eisenbeton (Stahlbeton), bei dem die abgehende Zugfestigkeit von Eisen (Stahl)
übernommen wird. 2017 ersetzte Klaus Dieter Zimmer den Stahl durch Aluminium, nicht aber
um aus dieser Materialkombination neuartige Trägerkonstruktionen zu bauen, sondern formal
reduzierte Skulpturen, die mit seinen Zeichnungen hervorragend korrespondieren, wie dies
seither schon mehrmals – etwa im Kunsthaus muerz – zu sehen war.“ (Lucas Gehrmann)

FLEUR SCULPTURE.
Klaus Dieter Zimmer